Mein Leben mit Puppen

Als ich ein kleines Mädchen war, besaß ich eine einzige Puppe - ein Schildkröt-Puppenkind. Sie hatte unter dem Weihnachtsbaum gesessen, als ich mit zweieinhalb Jahren gerade durch´s Schlüsselloch gucken konnte. Sie war ein Geschenk meines Großvaters, der mich liebevoll „Brittchen“ nannte. Mit diesem Geschenk grub er sich für alle Zeiten in mein Kinderherz ein. Ich nannte mein Puppenkind  „Ruth“ und schenkte ihr meine ganze Liebe. 

 

Ruth begleitete mich durch meine gesamte Kindheit - und viele schöne Erinnerungen verbinden mich mit ihr. Zu jedem Weihnachtsfest bekam Ruth ein neues Kleid und an meinem Geburtstag saß sie mit einem Geschenk im Arm mitten auf dem Geburtstagstisch. Auch während der Teenagerzeit verbannte ich mein geliebtes Puppenkind nicht auf den Dachboden oder in einen Karton - Ruth saß als „stiller Zuschauer“ inmitten von Postern meiner Lieblings-Stars und nahm auch Anteil an meiner ersten Liebe. 

 

Als ich 1966 mein Examen in Sozialpädagogik und Kinderpsychologie ablegte und begann mit Kindern zu arbeiten, spürte ich, daß ich genau den richtigen Beruf gewählt hatte, denn meine Arbeit mit kleinen Kindern wurde zu meinem  Lebensinhalt und ich ging darin auf. Ich liebte "meine" Kinder. Es gab ein kleines Mädchen, das mir  besonders ans Herz gewachsen war: Sie hieß Jeannette und besaß selbst keine Puppe. Da schenkte ich ihr meine Ruth... Jeannette drückte Ruth überglücklich an ihr Herz - aber in diesem Moment verspürte ich neben dem Glücksgefühl, diesem kleinen Mädchen eine Freude gemacht zu haben, einen unbeschreiblichen Trennungsschmerz. Es war, als ob ich ein Stück meiner Seele verschenkt hatte. 

 

Der Platz in meinem Zimmer, den Ruth eingenommen hatte, war leer und dieser ebenso leere Platz in meinem Herzen wurde erst wieder ausgefüllt, als ich 1971 meine kleine Tochter in den Armen halten durfte. Mein Leben verlief, immer tief verbunden mit meinem eigenen Kind und "meinen" Kindern im Kindergarten, wie im Spiel. Auch mein Mann nahm großen Anteil an allem und teilte meine Gefühle und Gedanken. 

 

Wie sehr er sich wohl in mich hineinversetzt haben musste, erlebte ich Weihnachten 1988. Zum zweiten Mal in meinem Leben saß ein Puppenkind unter dem Weihnachtsbaum. Es war "meine Ruth"! Mein Mann hatte in einem Schaufenster dieses Replika-Schildkröt-Puppenkind entdeckt und mir damit die größte Freude gemacht.

 

 An diesem Tag und mit diesem Ereignis begann eine schicksalhafte Wende in meinem Leben. Eine Tür in die Welt der Puppen hatte sich geöffnet - und ich spürte in meinem tiefsten Herzen, daß es für mich eine überaus glückliche Welt sein würde... Ich wollte mich nicht nur mit Puppen beschäftigen oder sie sammeln -  nein, ich wollte selbst Puppen gestalten, modellieren, kreieren. Ich wollte all meine Liebe, die ich jemals für meine Puppe Ruth, meine Kindergartenkinder und meine Tochter empfunden hatte, in diese Puppenkinder hineinlegen. Sie sollten aussehen wie Kinder und meine Seele in sich tragen.

 

 Es waren wohl alle erforderlichen Fähigkeiten und Talente vorhanden, die zu diesem Schritt notwendig waren, denn bereits nach wenigen Monaten wurden meine ersten sechs Puppenkinder Marie, Nina, Carlotta, Lucie, Viola und Helene auf den internationalen Spielwarenmessen in Nürnberg, New York, Mailand, Valencia, Paris und Harrogate von der Firma Max Zapf präsentiert. In einer der ersten Presseberichte stand die Überschrift: 

 

Neuheit auf dem Spielwarenmarkt:  "Brigitte Leman - Puppen mit Seele". 

 

Von 1989 bis 1999 hatte ich eine wunderbare Zusammenarbeit mit dem Ehepaar Zapf. Meine "Puppen mit Seele" wurden von Rödental aus in alle Erdteile verschickt. Viele Menschen aus den verschiedensten Ländern nahmen mit mir Kontakt auf und wollten mir mitteilen, wie sehr sie meine Puppen in ihr Herz geschlossen hatten und welche Bedeutung diese kleinen Wesen in ihrem Leben spielten.

 

 Ich weiß von vielen, daß sie zu deren Lebensinhalt geworden waren und es bis zum heutigen Tage sind.

 

 Nachdem sich das Ehepaar Zapf aus der Firma  "Max Zapf" zurückgezogen hatte, wechselte ich zu einem anderen deutschen Puppenhersteller: "Schildkröt-Puppen" in Rauenstein/Thüringen.

 

 Für mich schließt sich der Kreis schicksalhaft, denn im Nacken meiner eigenen kreierten Puppenkinder, die in der Schildkröt-Manufaktur gefertigt wurden, fand ich ein altbekanntes Zeichen wieder, das mir schon damals bei meiner  Ruth aufgefallen war: Eine kleine Schildkröte - und darunter seit dem Jahr 1999 die eingravierte Signierung: Brigitte Leman.

 

Einen innigen Dank meinem Mann, der „verantwortlich" ist für diese Initialzündung und deren Folgen über 25 Jahre! Er hat mich immer grossartig unterstützt.

 

Brigitte Leman

nach oben